Singen ohne Gesang


Der vergangene Sonntag trug den Namen „Kantate – Singt!“ und es war in den meisten deutschen Bundesländern der erste Sonntag, an dem seit Beginn der Corona-Krise wieder öffentliche Gottesdienste erlaubt waren. Die Kirchen sind dabei die Selbstverpflichtung eingegangen, weitgehend auf dem Gemeindegesang zu verzichten, um die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten. Kantate, singen, aber ohne Gesang…

Psalm 98, 1-5
Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er hat Wunder getan. Geholfen hat ihm seine Rechte und sein heiliger Arm.
Der HERR hat seine Hilfe kundgetan, vor den Augen der Völker seine Gerechtigkeit offenbart.
Er gedachte seiner Gnade und seiner Treue zum Haus Israel. Alle Enden der Erde haben die Hilfe unseres Gottes gesehen.
Jauchzt dem HERRN, alle Länder, seid fröhlich, jubelt und spielt.
Spielt dem HERRN auf der Leier, auf der Leier mit frohem Gesang.



Die aktuelle Situation lädt dazu ein, dem Stellenwert des Singens nachzuspüren, ohne dabei tatsächlich aktiv in der Gemeinde oder im Chor zu singen (individuelles Singen ist freilich auch in diesen Tagen erlaubt).
Der Reformator Huldrych Zwingli hat vor 500 Jahren in der Zürcher Kirche eine Gottesdienstordnung erstellt, die explizit keinen Gesang in der Kirche vorsieht. Dabei ging es natürlich nicht um Infektionsschutz. Zwingli fürchtete vielmehr, dass das gemeinsame Singen den Fokus vom Wort Gottes weg führen könnte. Für den Hausgebrauch empfahl Zwingli jedoch das Singen und er hat auch geistliche Lieder dafür geschrieben. Zwinglis Nachfolger haben dann den Gemeindegesang wieder in den Gottesdienst integriert (und dabei auch die von Zwingli nur für den Hausgebrauch gedichteten Lieder in der Kirche singen lassen). Es wirkt fast ironisch, dass ein Jahr nach dem Zwingli-Gedenkjahr nun die Gottesdienstordnung des Reformators scheinbar zu neuer Blüte kommt – durch Corona.
Der römisch-katholische Kamaldulenser-Orden verzichtet bis heute aus ähnlichen Gründen wie Zwingli auf den Chorgesang. Die Beschäftigung mit Noten und Rhythmen soll die Mönche nicht von der innigen Gottesbeziehung ablenken. Also auch ökumenisch sind wir mit dem Nicht-Singen in guter Tradition…
Das Gros der Christenheit singt jedoch oft und gerne und zuweilen auch schön. Über das Singen können wir gemeinsam oder auch allein Gefühle ausdrücken und auf den Punkt bringen. Das Mitsingen mit anderen Menschen kann auch die eigene Stimmung heben, wenn es sich um ein fröhliches Lied handelt. Ich genieße es sehr, im Gottesdienst oder auch auf einem Rockkonzert mitzusingen. Für manche hat Singen eine fast existenzielle Dimension. Die argentinische Sängerin Mercedes Sosa bekennt: „Yo canto porque tengo vida.“ – Ich singe, weil ich Leben (in mir) habe.
Singt dem HERRN ein neues Lied.“ Diesen Satz finde ich drei mal in der Bibel: in Psalm 96, Psalm 98 und im Buch des Propheten Jesaja (42, 10). Jedes mal steht dieser Satz im Kontext der Rückkehr des Gottesvolkes aus dem Exil in das gelobte Land. Mich zu Hause fühlen, an dem Ort gehen dürfen, wo ich hingehöre, ganz bei mir und bei Gott sein – das waren offenbar schon vor 2‘500 Jahren gute Gründe, ein Lied anzustimmen.
Das „neue Lied“ ist Ausdruck einer neuen Haltung: Nach den falschen Prioritäten der Vergangenheit, die ins Exil geführt haben, soll nun ein neues Lied auf unsere Lippen kommen, das von Treue zu Gott und Gerechtigkeit singt. So können Gesang und Musik auch zum Mutmacher für neue Schritte werden. Die Liedermacherin Sarah Lesch formuliert es so:


Mut heißt nicht, keine Angst zu haben
Mut heißt, dass man trotzdem springt
Und ich weiß, dass man die Angst vergisst
Die Angst vergisst, wenn man singt



Was bedeutet mir das Singen, allein oder zusammen mit anderen?


Was singt gerade in mir? Welches Lied ist mir heute auf den Lippen?


Wer ist der Adressat, die Adressatin meines Singens? Singe ich mir selber was vor, singe ich für andere oder singe ich vor Gott? Lässt sich das immer trennen?

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